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Im zentralen DB-Fundbüro Wuppertal gilt Paragraph 973 BGB: Was sechs Monate niemand abholt, geht in den Besitz des Finders über. Sachbearbeiterin Marlies Obst, 54, verwaltet 380.000 Gegenstände und hat seit elf Jahren eine private Regel: Sie ruft die Verlierer an. Nicht um die Sachen zurückzugeben – die Nummern stehen ja nirgends – sondern sie rekonstruiert aus dem Inhalt, wem was gehört, und wählt. Ihre Trefferquote liegt bei 71 Prozent. Dann kommt ein Koffer, den jemand absichtlich dagelassen hat, mit einem Zettel: "Bitte nicht suchen."
Eskalation
- Marlies sucht trotzdem. Der Koffer gehört einem Mann, der sein Leben planvoll aufgelöst hat – Wohnung gekündigt, Konto leer, Handy im Rhein – und der Koffer ist die Quittung dafür. Sie findet ihn in einer Pension in Solingen, lebendig, wütend, und er verklagt sie: Verletzung des Rechts auf Verschwinden. Der Fall geht durch die Lokalpresse. Plötzlich weiß ganz Wuppertal, dass da eine Frau sitzt, die Leute findet.
- Es kommen Anfragen. Nicht nach Gegenständen – nach Menschen. Eine Mutter bringt den Rucksack ihrer verschwundenen Tochter, ein Insolvenzverwalter bringt einen Aktenkoffer, ein Mann bringt den Mantel seines Vaters und sagt: "Der lebt noch, ich will nur wissen, wo." Marlies richtet im Regal 14, Rubrik "Sonstiges/Textil", eine inoffizielle Vermisstenstelle ein und beginnt, Fundstücke als Beweismittel zu lesen. Ihr Chef Herr Dombrowski, der seit 1998 auf eine Beförderung nach Duisburg wartet, deckt sie, weil die Aufklärungsquote sein Referat rettet.
- Die Anfragen werden dunkler. Ein Mann will seine Ex-Frau finden, die ihre Sachen absichtlich im Zug gelassen hat, um wegzukommen. Marlies findet sie – und der Mann steht drei Tage später vor deren Tür in Kassel. Nichts passiert, aber es hätte. Marlies bricht ab, hört auf, vernichtet ihre Karteikarten. Zu spät: Die Systematik ist da, Dombrowski hat sie längst digitalisiert und als "Pilotprojekt Reidentifikation" nach Frankfurt gemeldet, wo die Konzernrevision sehr interessiert ist an einer Datenbank, die aus einem verlorenen Regenschirm einen Namen macht.
- Marlies wird befördert. Vierter Stock, eigenes Büro, Titel: Referentin Fundsachenanalytik. Sie soll ihr Verfahren zwölf Trainees beibringen, die alle Google-Kalender und keine Ahnung von Menschen haben. In der ersten Schulung merkt sie: Ihr Verfahren ist gar keins. Es war nur sie, die Dinge zu lange angeschaut hat. Die Trainees produzieren 4.000 Treffer im Monat und liegen zu 90 Prozent falsch, aber niemand prüft nach, weil eine Zahl da ist.