Hook
Witwer Heinz, 74, verkauft jeden Sonntag auf dem Flohmarkt am Gelsenkirchener Wildenbruchplatz ein Teil aus dem Nachlass seiner Frau Gisela für ein paar Euro. Am Sonntag darauf kauft er es an einem anderen Stand zurück, jedes Mal teurer.
Eskalation
- Die Händler durchschauen das schnell. Wer Giselas Strickjacke für 3 Euro bekommt, verlangt eine Woche später 30, und Heinz zahlt. Bald fängt jemand Heinz schon am Parkplatz ab, um ihm seine eigene Butterdose für 45 Euro anzubieten.
- Daraus wird ein richtiger Markt. Die Händler reichen „Gisela-Ware“ untereinander weiter, bevor Heinz überhaupt da ist. Ein BWL-Student vom Kaffeestand führt eine Kurstabelle, und auf die Sammeltassen werden Optionen gehandelt. Die Sammeltasse mit Goldrand steht inzwischen bei 380 Euro.
- Dann tauchen Fälschungen auf: Gegenstände, die Gisela nie besessen hat, verkauft mit erfundenen Geschichten („Die hatte sie immer im Schrebergarten“). Heinz kauft sie trotzdem. Er weiß selbst nicht mehr genau, was ihr gehört hat, und die erfundenen Geschichten gefallen ihm fast besser als die Erinnerungen, die er noch hat.
- Heinz hat kein Geld mehr, und der Markt bricht zusammen. Die Händler bleiben auf einem Berg überteuerter Haushaltsware sitzen. Der Student prüft deshalb die echten Stücke, um zu retten, was sich retten lässt, und knibbelt dabei die Preisschilder ab.
✦ Twist
Unter Heinz’ alten Etiketten kleben ältere Flohmarktschilder in fremden Handschriften, „1 DM“, „50 Pf.“. Gisela hat fast ihren ganzen Haushalt auf genau diesem Platz gekauft, aus den Nachlässen anderer Toter. Nach und nach erkennen alte Frauen und Männer auf dem Markt die Teekanne ihres verstorbenen Mannes wieder oder das Nähkästchen ihrer Mutter. Heinz hat mit seiner Trauer monatelang den Preis für die Toten anderer Leute hochgetrieben. Am letzten Sonntag verkauft er die Goldrandtasse für 1 Euro an eine Frau, die beim Anblick zu weinen anfängt. Den Euro legt er in die Kasse des Nachbarstands, wo Gisela sie 1978 gekauft hat.
💡 Ein einziger privater Trauertick wird stur nach den Regeln von Angebot und Nachfrage zu Ende gedacht, und am Ende zeigt sich: Was man für das Eigentum eines einzelnen Menschen hielt, war immer schon Allgemeingut des Flohmarkts.