August 1961: Als die Mauer gebaut wird, sitzt Ilse in Mecklenburg fest, ihr Mann Hinnerk ist Leuchtturmwärter auf Fehmarn. Sein Leuchtfeuer reicht bei klarer Nacht bis an die DDR-Küste. Die Kennung ist gesetzlich festgelegt, aber Hinnerk merkt: Wenn er jede Dunkelphase um ein paar Zehntelsekunden verlängert oder verkürzt, bleibt alles innerhalb der Toleranz. Kein Kapitän merkt etwas, aber wer mit Stoppuhr am Ufer steht, kann darin Morsezeichen lesen. Jede Nacht schickt er einen Satz über die Ostsee.
Hinnerk steigt die Treppe im Turm von Buk hinauf. Oben sitzt der Wärter Manfred Lüth, Unteroffizier der Volksmarine und Inoffizieller Mitarbeiter. Er sollte westliche Signale protokollieren und hat Hinnerks ersten Satz schon in der dritten Nacht entschlüsselt. Melden wollte er ihn nicht, also hat er geantwortet. Damit jede Antwort stimmte, hat er Ilses Stasi-Akte gelesen. Darum waren alle Nachrichten wahr, nur stammte keine von ihr. Und Hinnerks Tod hat Lüth ihr selbst gemeldet: Solange sie wieder heiratete und in Ruhe gelassen wurde, galt der Kanal als harmlos. Achtundzwanzig Jahre lang hat Hinnerk einem Fremden sein Herz ausgeschüttet. Dieser Fremde ist der einzige Mensch auf der Welt, der ihn kennt, und er hat ihm seine Frau genommen.
💡 Ein Kanal, den nur zwei Menschen lesen können, lässt sich von außen nicht überprüfen. Antworten kann deshalb nur, wer heimlich mitliest, und diese Tatsache zieht die ganze Liebesgeschichte nach sich.