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Tragikomödie / Ensemble-Kammerspiel 2026-10-12

Am ehesten vergessen

Hook

Beim 20-jährigen Klassentreffen des Abijahrgangs 2004 legt das „Orga-Team“ die alte Abizeitung auf jeden Tisch. Alle stürzen sich auf die Rubrik „Wer wird am ehesten …?“. Das Unheimliche: Jede Vorhersage hat sich erfüllt. „Am ehesten zweimal dieselbe Frau heiraten“: Marco, stimmt. „Am ehesten Bürgermeister in einem Dorf ohne Ampel“: Dennis, stimmt. „Am ehesten Veganerin mit Metzgerei“: Kathrin, stimmt auch.

Eskalation
  1. Das Gelächter kippt, als die Liste Dinge weiß, die niemand wissen kann. „Am ehesten heimlich pleite“ steht bei Tobias, der gerade im geleasten Porsche vorgefahren ist. „Am ehesten noch in den Referendar verliebt“ steht bei einer Frau, die seit 15 Jahren mit einem anderen verheiratet ist. Am Buffet wird es still. Plötzlich schauen sich alle gegenseitig misstrauisch an.
  2. Im Impressum steht „Redaktion: J. Brandt“. An einen J. Brandt erinnert sich niemand. Auf dem Stufenfoto ist am Rand ein Gesicht unscharf, und keiner weiß, wem es gehört. Die Gruppe, die früher die coolen Leute waren, fängt an zu ermitteln. Sie gehen von Tisch zu Tisch, verhören alte Banknachbarn und vergleichen Handschriften im Poesiealbum.
  3. Ein einziger Eintrag hat sich noch nicht erfüllt: „Am ehesten, sich heute Abend zu entschuldigen“, und zwar bei Sven, dem ehemaligen Stufenkönig. Er weiß nicht, wofür. Der ganze Saal wartet. Alle zählen auf, wem Sven damals wehgetan hat, und es kommt mehr zusammen, als ihm lieb ist.
  4. Svens Mutter wird angerufen, sie hebt alles auf. Um Mitternacht bringt sie seine originale Abizeitung von 2004 vorbei. Darin stehen ganz andere Vorhersagen, harmlose und dumme. Also ist die ausgelegte Ausgabe eine Fälschung, die erst vor kurzem gedruckt wurde.
✦ Twist

In der echten Abizeitung hat die Rubrik nur einen einzigen bösen Eintrag: „Am ehesten vergessen: Julia Brandt“. Den hatte Svens Clique ihr damals verpasst. Erst jetzt begreifen alle, dass Julia den ganzen Abend unter ihnen war. Sie hat die Getränke organisiert, mit allen über Kinder und Kredite geplaudert und die Namensschilder ausgegeben. Erkannt hat sie keiner. Für die gefälschte Ausgabe hat sie Insolvenzregister, Facebook-Profile und Hochzeitsanzeigen durchsucht. Jede ihrer Vorhersagen ist eingetroffen, auch die erste: Ein Jahrgang, der sich mit ihr nie beschäftigt hat, beschäftigt sich jetzt einen ganzen Abend nur mit ihr. Und sie hat recht behalten. Als Sven endlich aufsteht und sich entschuldigt, wendet er sich an die falsche Frau.

💡 Die Geschichte nutzt die Urangst jedes Klassentreffens, dass die anderen genau wissen, was aus einem geworden ist. Sie dreht das um und lässt das ganze Rätsel von der einen Person lösen, die nie jemand angeschaut hat.

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