Hook
Fahrlehrer Ewald Grabowski, 61, hat in dreißig Jahren eine Bestehensquote von 100 % – weil er seit Jahren nicht Autofahren unterrichtet, sondern die Prüfer. Er kennt jeden Tick der drei Sachverständigen im Landkreis: Herr Nowak hakt nie das Schulterblick-Feld ab, wenn man ihn nach seiner Tochter fragt; Frau Heiden lässt alles durchgehen, solange die Heizung auf Stufe 2 steht. Grabowski verkauft keine Fahrstunden. Er verkauft Choreografien.
Eskalation
- Eine neue Prüferin wird versetzt: Sabine Tesch, 34, dienstbeflissen, unbestechlich, mit Tinnitus und einer Checkliste, die sie wirklich benutzt. Grabowski schickt bewusst seinen schwächsten Fahrschüler in ihre erste Prüfung, um sie zu kartieren – und lernt: sie bricht ab, sobald jemand das Wort „eigentlich“ benutzt. Er baut die Erkenntnis in seinen Unterricht ein und tauft die Einheit „Stunde 7: Sprachhygiene“.
- Tesch merkt, dass sämtliche Grabowski-Schüler identisch fahren – dieselbe Kopfdrehung nach 1,5 Sekunden, dieselbe Bemerkung über das Wetter an derselben Ampel – und meldet es dem TÜV. Es kommt zur Überprüfung. Grabowski gewinnt sie, weil seine Schüler nachweislich fehlerfrei fahren: Er hat keine Regeln gebrochen, er hat sie nur vollständiger erfüllt als jeder andere. Tesch wird versetzt – in dieselbe Fahrschule, als Pflichtpraktikum in Erwachsenenpädagogik.
- Gezwungen zur Zusammenarbeit, findet Tesch heraus, warum Grabowski das tut: Seine eigene Tochter Marie fiel vor elf Jahren viermal durch, fuhr trotzdem ohne Führerschein zur Frühschicht und starb an einer Kreuzung, die sie perfekt hätte nehmen können – nur nicht unter Beobachtung. Seitdem unterrichtet Grabowski nicht Autofahren, sondern Beobachtetwerden. Tesch beginnt, in ihren Prüfungen genau hinzuschauen: Achtzig Prozent der Durchfaller fahren gut. Sie fürchten sich nur.
- Gemeinsam gehen sie zu weit: Sie richten ein Schattensystem ein, in dem Tesch offiziell durchfallen lässt und Grabowski den Kandidaten in einer inszenierten „Nachprüfung“ auf einem stillgelegten Kasernengelände einen selbstgedruckten Führerschein aushändigt – zur Übung, sagt er, als Placebo. Bis einer dieser Placebo-Scheine bei einer Polizeikontrolle auf der B7 liegt, in der Brieftasche eines Siebzehnjährigen, der anstandslos rückwärts einparkt und den Beamten höflich in die Augen sieht.